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über sadistische PR-Aktivitäten Der Spinn.doc-Tor (Anhangsanhänger) Bevor wir uns näher mit dieser wohl am weitesten verbreiteten Spezies von PR-Sadisten befassen, vorweg ein kleiner enzyklopädischer Exkurs: Unter spin doctors verstehen angelsächsische Medien-Experten (Medien = Informationsquellen für die Öffentlichkeit; Ggs. –> Media) Menschen, die eine Nachricht so zu manipulieren verstehen (engl. to doctor s.th. = an etwas herumdoktern), dass sie den für die Aufmerksamkeit der Massen nötigen Dreh bekommt (to spin = kreiseln lassen). Mit dem richtigen Spin, das wissen Media-Experten (Media= Werbeträger), lässt sich selbst ein eher unspektakuläres Produkt zur populären Marke hochjubeln (welche der erfreute Handel wiederum als Schnelldreher bezeichnet).
Womit wir beim erfolgreichsten Markenprodukt der Industriegeschichte angelangt sind: Word. Nicht einmal Coca-Cola oder Levis haben sich in ihren Märkten annähernd so breit machen können wie das allgegenwärtige Textprogramm aus dem Haus Microsoft in den Büros dieser Welt. Das ist schön für Bill & Steve, das Milliardärsduo von Redmond.
Weniger schön ist das für die Menschen, die das erfolgreichste Produkt der Welt nicht zwingend für das beste halten &ndash. Denn im Gegensatz zu einer weit verbreiteten Meinung ist Word (noch) nicht das einzige Textprogramm auf der Welt, und es gibt auch (noch) kein Gesetz, das seinen Besitz oder seine Verwendung vorschreibt.
Hier kommt der Spinn.doc-Tor ins Spiel – ein Mensch, der an PR-Rundschreiben in einer Weise herumdoktert, dass sich jeder, der die Qualität und Bedeutung eines Textes nicht danach bewertet, ob der Dateiname auf .doc endet, wie ein Tor vorkommt („Spinn' ich oder spinnen die?“).
Aus PR-sadistischer Sicht liegt der besondere Charme von Word nämlich darin, dass mit diesem Programm erzeugte Texte – unter aussagekräftigen Namen wie „Pressemitteilung_0101.doc“ an eine ansonsten total inhaltslose E-Mail angehängt – den Adressaten auf mehrfache Weise zu nerven im Stande sind:
1. Sie müllen die Mailbox zu
DOC-Attachments sind um ein Mehrfaches größer als der entsprechende Klartext. Schließlich enthalten sie, nur für Windows-Kenner auffindbar, detaillierte Angaben darüber, auf wessen Rechner sie in welchem Verzeichnis wann gespeichert wurden, wer sie wann wie bearbeitet hat, und obendrein alte Fassungen des Textes. Diese Funktion („It's not a bug, it's a feature“) ist insbesondere nützlich für PR-Sado-Masochisten: Sie offenbaren dem zu quälenden Adressaten die Schwachpunkte des Absenders oder seiner Vorgesetzten – und versetzen ihn so in die Lage, die Gemeinheiten problemlos zu erwidern.
Überdies ist das Word-Format darauf optimiert, kompakte Textdateien zu wahren Monsterfiles aufzublähen. So lassen sich mit wenigen Mausklicks völlig sinn- und nutzlose Daten integrieren, etwa das x-tausendmal gesehene Logo der Firma, das nun wirklich jeder kennt, oder komplett nichtssagende Grafiken. Mühelos verstärken lässt sich der Effekt übrigens durch Einbinden einiger (möglichst unscharfer, unkomprimierter und auch sonst druckunreifer) Fotos.
Damit lassen sich leider nur noch die wenigen Journalisten quälen, die noch nicht per DSL-Verbindung ans Internet angeschlossen sind, oder solche, die meinen, von unterwegs aus per Mobilfunk ihre Mails checken zu müssen. Insbesondere für letztere dauert das Downloaden der Mails eine kleine, gebührenpflichtige Ewigkeit. Ihren zweiten Zweck erfüllt diese überaus beliebte Sado-Praktik hingegen so gut wie eh und je: Journalisten, die ein paar Tage verreisen, die Mailbox überlaufen zu lassen. Um diesen Effekt auszuschließen, müsste die Inbox der Zielperson schon ein Gigabyte oder mehr fassen.
2. Sie wecken Ur-Ängste
Bekanntlich hat das Word-Format eine gewisse Tradition als Überträger von Makro-Viren. Zudem wissen Journalisten seit der „Iloveyou“-Epidemie vom Mai 2000, dass aktuelle Virenscanner nicht unbedingt zur Grundausstattung von PR-Abteilungen gehören. Darum wird der Empfänger seinen Virenscanner so einstellen, dass er alle .doc-Attachments routinemäßig in ein Quarantäne-Verzeichnis verschiebt. Falls irgendwann mal ganz viel Zeit ist, kann man ja mal nachschauen, ob was Eiliges drin war.
3. Sie machen viel Mühe
Manchmal führt kein Weg daran vorbei, die Mail-Botschaft eines PR-Menschen zu öffnen, auch wenn die Info als .doc daherkommt. Dann investiert der Empfänger einiges an Zeit und Nerven, jedenfalls wenn er zu den Word-Abstinenten zählt und auch das Virenzüchter magisch anziehende Microsoft-Mailprogramm Outlook Express scheut. Aus zwei Arbeitsschritten (vorige Mail löschen oder speichern, nächste lesen) werden deren sieben oder acht (Textprogramm starten, Menü „Datei öffnen“ aufrufen, Verzeichnis auswählen, womöglich Dateityp auswählen, Datei auswählen/laden, lesen, schließen, löschen oder speichern).
Fazit: Als Spinn.doc-Tor bezeichnet zu werden, ist vielleicht nicht nett. Aber das muss ein ambitionierter Sadist schon aushalten...
Ähnlichkeiten mit wahren Begebenheiten sind nicht zufällig, gelegentliche Selbsterkenntnis durchaus beabsichtigt ;-)
Copyright © 2002 by Ulf J. Froitzheim – Alle Rechte und Links vorbehalten. Aktualisiert am 6.3.2008