Mutmaßliche Nachrichtenredakteure

Nachrichtensendungen im Radio und Fernsehen, aber auch Zeitungsberichte sind für mich zur Zeit schwer erträglich. Es sind nicht nur die grauenvollen Inhalte der Nachrichtenbeiträge, es ist auch der erschreckend unsensible, unpräzise, inkompetente Umgang mit der Sprache.

Der ZDF-Kollege Mitri Sirin, Redakteur im Studio bei heute, ist nur einer von vielen. Dass ich ihn exemplarisch herausgreife, kommt allein daher, dass mir bei seiner gestrigen Sendung etwas besonders drastisch auffiel, das beileibe nicht nur er praktiziert: Formulierungen, die mich fast zu Mutmaßungen darüber treiben, ob der russische Botschafter in Berlin vielleicht heimlich einen Sitz im Fernsehrat erhalten hat. Allerdings müsste dann auch die Süddeutsche Zeitung bedroht worden sein, denn meine Tageszeitung drückt sich sehr ähnlich aus wie „heute“.

Es ging in Sirins Anmoderation und im Bericht von Katrin Eigendorf um die Greueltaten in Butscha. Bekanntlich waren dort die Leichen gefesselter und gefolterter Zivilisten aufgefunden worden. Um passende Worte für die Taten zu finden, muss ein Moderator oder eine Korrespondentin kein zweites juristisches Staatsexamen abgelegt haben. Man kann vielleicht noch darüber streiten, ob die spitzfingerige Distanzierung „sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten“ nur ein tollpatschiges Zugeständnis an die vielen unbelehrbaren Putin-Apologeten im Lande ist, die das deutsche Gebührenfernsehen eh hassen. „Mutmaßliche Nachrichtenredakteure“ weiterlesen

Stoppt Vladolf Putler! Rettet Mariupol!

Galgenhumor ist in manchen Situationen das einzige, was hilft, die eigene Ohnmacht zu ertragen. Wie ohnmächtig wir Normalbürger des globalen „Westens“ sind, spüren wir spätestens seit drei Wochen täglich – ob wir Radio hören, Zeitung lesen, den ARD-Brennpunkt oder eine euphemistisch „Talkshow“ genannte Sendung anschauen. Als kürzlich auf Twitter der Name des Kriegsverbrechers im Kreml auf eine Weise verballhornt wurde, die ihn in eine Reihe mit dem bisher größten (Kriegs-) Verbrecher der Geschichte stellt, konnte ich nicht anders, als diesen Hashtag – #VladolfPutler – auch zu verwenden. Wer immer noch vom „russischen Präsidenten“ oder „Herrn Putin“ spricht, verharmlost diese Bestie in Menschengestalt. Und wer vor der Armseligkeit des Verhaltens unserer „Realpolitiker“ nicht angewidert ist, sollte dringend seinen moralischen Kompass zur Reparatur geben. Deshalb hier ein paar leider nötige Anmerkungen von einem Angehörigen der sogenannten Nachkriegsgeneration, der sich leider lange keine großen Gedanken über Osteuropa gemacht hatte.

Odessa, 1990

Nachdem meine Mutter, 1930 geboren, vor ein paar Jahren nach einem Sturz mit Kopfverletzung eine vaskuläre Demenz entwickelt hatte, habe ich mich durch ihre alten Familienalben und Kartons mit Foto-Abzügen gewühlt und ihr ein dickes Fotobuch zusammengestellt, das den Bogen von ihrer Kindheit bis in die Gegenwart schlägt; das soll helfen, verschüttete Erinnerungen anzuregen. Gegen Ende ihres Berufslebens hatten meine Eltern sich ein paar Schiffsreisen gegönnt, darunter eine Schwarzmeerkreuzfahrt auf der M.S. Fyodor Dostoyevskiy. Die Sowjetunion hatte während der Perestrojka westliche Touristen als wachstumsträchtige Zielgruppe erkannt und ein fertiges Schiff erworben, nämlich die erst 1987 in Dienst gestellte M.S. Astor. Sitz der Reederei war Odessa. Und so kam es, dass meine Mutter ihren 60. Geburtstag in der Hafenstadt an der ukrainischen Schwarzmeerküste feierte. Zum Landgang gehörte ein Besuch im Opernhaus (Foto oben), das kurz nach der Dresdner Semperoper gebaut worden war und mich auf den ersten Blick auch an diese erinnerte. „Stoppt Vladolf Putler! Rettet Mariupol!“ weiterlesen

Presserat: „Bild“-Pranger schwerer Verstoß gegen Ziffer 1

Drei Tage lang konferierte der Deutsche Presserat vorige Woche mal wieder über Beschwerden, 15 Rügen kamen am Ende dabei heraus, 40 Prozent – also 6 Stück – betrafen „Bild“ (online bzw. Print). Ein der erfolgreichen Beschwerden hatte übrigens ich eingereicht (vermutlich nicht als einziger Beschwerdeführer). Es ging um einen Beitrag von Hans-Jörg Vehlewald mit der Überschrift „Hammerurteil zur TV-Gebühren-Erhöhung: Von diesem Richter werden wir zur Kasse GEZwungen“, in dem der Vorsitzende des 1. Senats des BVerfG, Prof. Stephan Harbarth, an den Pranger gestellt wurde.

Hier meine Beschwerde:

„Die Überschriften – vor allem „Von diesem Richter werden wir zur Kasse GEZwungen“ – verstoßen gegen Ziffer 1, da sie weder Achtung vor der Wahrheit zeigen noch eine wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit bezwecken und die Menschenwürde von Prof. Harbarth missachten. Alle BVerfGE werden vom gesamten Senat (hier: dem Ersten) getroffen. Damit ist jede Aussage, die diese Entscheidung auf die Person des Senatsvorsitzenden reduziert, unwahr. Es handelt sich erkennbar nicht um ein Versehen. Verfassungsrechtliche Unkenntnis wäre aufgrund der Sorgfaltspflicht ohnehin kein Rechtfertigungsgrund. Im Gegenteil dient die Darstellung dem Zweck, Prof. Harbarth persönlich an den Pranger zu stellen. Zu rügen ist auch das Wortspiel „GEZwungen“, das den insbesondere bei der Bild-Zielgruppe populären Irrtum bestärkt, es gäbe noch eine GEZ, zumal das Kürzel als Codewort derer bekannt ist, die den Öffentlich-rechtlichen Rundfunk ungeachtet seiner in früheren BVerfGE manifestierten Bestands- und Entwicklungsgarantie abschaffen möchten. Mit wahrhaftigem Journalismus sind solche Manipulationen unvereinbar, zumal die Redaktion nicht einmal den Versuch unternimmt, eine Trennung von Nachricht und Kommentar vorzugaukeln. Sie inszeniert einen Skandal, wo keiner ist. Durch die Illustration der zur Empörung anstachelnden, wahrheitswidrigen Headline mit dem Porträt von Herrn Prof. Harbarth nimmt die Redaktion bewusst die Gefahr in Kauf, militante Gegner des Rechtsstaats oder auch der ARD und des ZDF zu Gewalttaten gegen den Verfassungsrichter zu ermuntern. Was das Gewaltpotential in den Kreisen angeht, die hier publizistisch angesprochen werden, ist exemplarisch auf den Fall Lübcke hinzuweisen. Inhaltlich falsch ist auch die Headline „Prunkpalast, üppige Gehälter und Pensionen: Dafür geben ARD und ZDF unsere Milliarden aus!“. Es sind nicht „unsere“ Milliarden, da der Rundfunkbeitrag den Anstalten zusteht – höchstrichterlich bestätigt.“

Wenn Journalisten sich streiten

Ein bizarres Geplänkel liefern sich zwei Kollegen in aller Öffentlichkeit – via Twitter und Facebook. Der NDR ist involviert und macht eine unglückliche Figur. Bushido meldet sich zu Wort, Online-Promis wie Sascha Lobo, Stephan Anpalagan und Chan-jo Jun sind irritiert und kommentieren den Vorgang, Medientwitter hat einen neuen Aufreger. Da es um die Berichterstattung über den Nahostkonflikt geht und um problematische Personalien in international arbeitenden Medienhäusern, öffnen und füllen sich rasch lauter Schubladen, in die man jemanden stecken kann. Eine kleine Einordnung und ein bescheidener Friedensappell.

Da nicht alle, die mein Wortgepresstes lesen, die Gegeben- und Gepflogenheiten meiner Branche kennen, zunächst ein paar zum Verständnis wichtige Erläuterungen zur Arbeitssituation und -weise: „Wenn Journalisten sich streiten“ weiterlesen

Gedankenlose Seuchenverwalter

Deutschland ist das Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten. Mitten in einer galoppierenden Epidemie lassen Behörden Zigtausende Fußballfans in ein Stadion und wundern sich, wenn die unmöglich zu kontrollierende Maskenpflicht dann ganz vielen am Allerwertesten vorbeigeht. Man sollte es allerdings auch nicht für möglich halten, wie in diesem Land gleichzeitig diejenigen kujoniert und schikaniert werden, die sich an die Regeln halten. Ein paar Notizen aus dem November 2021 über eine Bürokratie, die falsche Prioritäten setzt. 

Was bisher geschah: Am 7. November, einem Sonntag, nahm ich an einer Abendveranstaltung in Bochum teil, auf der die 2G-plus-Regel galt: Die rund 200 Gäste mussten am Einlass nachweisen, dass sie geimpft oder genesen sind, und sie hatten zuvor schriftlich versichert, sich am selben Tag vor 14 Uhr per Schnelltest vergewissert zu haben, dass sie negativ waren. Am Dienstagmorgen wurde die erste Teilnehmerin positiv getestet, am späten Donnerstagnachmittag schlug die Corona-Warn-App an, ab Freitag lief die Nase und ich musste ab und zu niesen, am Samstag war bei mir der Selbsttest positiv, am Montag folgte ein amtlicher PCR-Test, der am Dienstag – neun Tage nach der Infektion – positiv befundet wurde. 

Diese Zeilen schreibe ich als Gefangener einer heillos überforderten bayerischen Krankheitsbürokratie. Mindestens noch bis zum 30. November sitze ich im Hausarrest – also bis zum 23. Tag nach dem von der Warn-App als Risikobegegnung gemeldeten Kontakt zu einer negativ getesteten Geimpften und dem 18. Tag nach dem ersten Niesen. Häusliche Isolierung bedeutet: Selbst mit einer mit Leukosilk-Pflaster im Gesicht festgeklebten FFP2-Maske dürfte ich das Haus nicht einmal für einen Waldspaziergang verlassen, bei dem ich niemandem auch nur auf 1,50 Meter Abstand nahekomme. Hätte ich einen Hund, dürfte ich nicht mit ihm Gassi gehen. „Gedankenlose Seuchenverwalter“ weiterlesen